Babyschuhe und die Verantwortung des Erinnerns

Babyschuhe und die Verantwortung des Erinnerns - Norbert Kandzorra

May 04, 20264 min read

Norbert Kandzorra
Geb. 1947
Flugzeugmechaniker (in Rente)

Ich lernte Norbert Kandzorra nicht über ein offizielles Gedenken oder eine Veranstaltung kennen, sondern über eine einfache E-Mail. Ich schrieb ihm, weil ich an einem Buch über die Berliner Luftbrücke arbeitete und fragte, ob ich das Logo des Vereins Luftbrücke Frankfurt–Berlin 1948-1949 e.V. zum 75. Jahrestag der Luftbrücke für eine Illustration nutzen dürfte. Was als formelle Anfrage begann, wurde schnell zu einem persönlichen Austausch.

Seitdem verbindet uns eine Freundschaft, die auf einem gemeinsamen Anliegen beruht: der Überzeugung, dass es wichtig ist, die Geschichte der Luftbrücke zu erzählen und weiterzugeben. Norbert ist jemand, der zuhört, verbindet und Türen öffnet. Er kennt Menschen, Geschichten und Orte, und er bringt sie zusammen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.

Als engagiertes Mitglied des Luftbrücke Frankfurt-Berlin 1948–1949 e.V. gehört Norbert zu denen, die die Erinnerung an die Luftbrücke nicht als abgeschlossene Vergangenheit begreifen, sondern als lebendige Verantwortung.

Seine Erzählung zeigt, wie Erinnerung weiterlebt, wenn Menschen sie bewusst bewahren. Sie beginnt mit einem Paar kleiner Babyschuhe aus einem CARE-Paket und führt zu der Frage, warum diese Geschichte auch heute noch Bedeutung hat.


Babyschuhe und die Verantwortung des Erinnerns
Norbert Kandzorra

Ich bin Norbert Kandzorra. Geboren wurde ich im April 1947, also kurz nach dem Krieg. Ich habe die Berliner Luftbrücke nicht bewusst erlebt. Und doch begleitet sie mich mein ganzes Leben.

Der Anfang dieser Verbindung sind ein Paar kleine, schwarze Babyschuhe.

Mein Vater kam nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurück und arbeitete in einem Flüchtlingsheim. Dort kamen auch die CARE-Pakete aus den USA an. Sie wurden an Familien verteilt, die fast nichts mehr hatten. In einem dieser Pakete waren meine ersten Schuhe. Meine Eltern stopften Seidenpapier hinein, damit sie ihre Form behielten. Diese Schuhe existieren bis heute. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet und sind für mich zu einem stillen Zeugnis geworden.

Wenn ich diese Schuhe heute in den Händen halte, denke ich nicht nur an meine eigene Kindheit. Ich denke an all die Kinder, die nach dem Krieg auf Hilfe angewiesen waren. An Familien, die ohne diese Unterstützung nicht überlebt hätten. Für mich sind diese Schuhe ein Symbol. Sie stehen für Fürsorge, für Menschlichkeit und für die Verbindung zur Luftbrücke.

Viele Jahre später wurde aus dieser persönlichen Verbindung ein aktives Engagement.


Ich bin Mitglied im Verein Luftbrücke FrankfurtBerlin 1948–1949 e.V.. Der Verein setzt sich dafür ein, die Geschichte der Luftbrücke lebendig zu halten. Nicht als trockene Zahlensammlung, sondern als menschliche Geschichte.

Über den Verein durfte ich einen Mann kennenlernen, der für mich das menschliche Gesicht der Luftbrücke verkörpert wie kein anderer: Gail Halvorsen.

Ich erinnere mich gut an unsere erste Begegnung. Was mich sofort beeindruckt hat, war seine Ausstrahlung. Er hatte dieses ehrliche Lächeln, diese Wärme, die man nicht lernen kann. Er erinnerte sich an Namen, an Menschen, an Begegnungen. Wenn er einen Raum betrat, wurde es heller.

Für ihn war Deutschland seine zweite Heimat, und das hat man gespürt.

Gail Halvorsen war nicht nur Pilot. Er war jemand, der von sich aus gehandelt hat. Mit zwei Kaugummis in der Tasche, mit der Idee, Kindern Hoffnung zu schenken. Aus dieser kleinen Geste wurde etwas Großes. Etwas, das bis heute nachwirkt!

Wenn ich Zeitzeugen treffe und sie erzählen, dass sie damals einen dieser kleinen Fallschirme mit Süßigkeiten bekommen haben, sehe ich es in ihren Augen. Diese Freude ist geblieben. Daran erkennt man, dass die Luftbrücke mehr war als Logistik und Organisation. Sie hatte ein Herz.

Deshalb ist es mir so wichtig, diese Geschichte weiterzutragen.

Im Verein sprechen wir mit Zeitzeugen, sammeln ihre Erinnerungen, erzählen ihre Geschichten weiter. Solange diese Menschen noch unter uns sind, tragen sie etwas in sich, das kein Archiv ersetzen kann. Und selbst wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, bleiben die Symbole. Meine Schuhe. Die Fallschirme. Die Begegnungen.

Wir erinnern auch an die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Jedes Jahr gedenken wir der Toten der Luftbrücke. Sie haben nach einem furchtbaren Krieg ihr Leben eingesetzt, um eine Stadt mit 2,5 Millionen Menschen zu versorgen. Ohne zu fragen, was es kostet.

Ich bin überzeugt: Die Luftbrücke ist nicht nur Geschichte. Sie ist eine Haltung. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Menschen Verantwortung übernehmen. Wenn Hilfe wichtiger ist als Macht. Wenn Menschlichkeit über Ideologie steht. Die Demokratie, in der wir heute leben, ist auf diesem Fundament entstanden.

Deshalb erzähle ich diese Geschichte weiter.
Deshalb bringe ich meine Schuhe mit zu Veranstaltungen.
Deshalb engagiere ich mich im Verein.

Damit wir nicht vergessen, wozu Menschen fähig sind, wenn sie füreinander einstehen.

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community.  

As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. 

With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Bibi LeBlanc

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community. As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

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