Ein Fallschirm, Ein Shmoo Und Das Überleben

Ein Fallschirm, Ein Shmoo Und Das Überleben - Ruth Petersson

March 11, 20264 min read

Ruth Petersson
Luftbrückenkind
Geb. 1937

Ein paar einleitende Worte

Denise Halvorsen Williams, die Tochter von Gail S. Halvorsen, dem Mann, den viele als den „Candy Bomber“ der Berliner Luftbrücke kennen, hatte den Kontakt zu Ruth Petersson hergestellt, denn Ruths Geschichte ist untrennbar mit den kleinen Fallschirmen verbunden ist, die damals für so viele Berliner Kinder Hoffnung bedeuteten.

Bei einem Kaffee in Berlin lernte ich sie kennen. Ruths Erinnerungen sind keine rückblickende Analyse, sondern Momentaufnahmen eines Kindes: Angst, Hunger, Einfallsreichtum – und ein schwarzer Shmoo an einem Fallschirm, der mehr war als ein Spielzeug...


Ich bin ein Berliner Kind.


Und wie viele Kinder meiner Generation habe ich die großen Ereignisse nicht als Geschichte erlebt, sondern als Alltag.

Während des Krieges waren meine Mutter, meine Schwester und ich evakuiert, in Thüringen. Die Amerikaner kamen aus dem Süden, über Italien und Österreich nach Deutschland. Für uns waren sie zuerst Besatzer. Wir waren die Verlierer. Ich erinnere mich, wie sie Lebensmittel, die sie nicht brauchten, in Gruben warfen und mit Erde zuschütteten. Wir sahen das. Aber wir dachten: Es muss wohl so sein.

Trotzdem hatten wir Glück. Wir kamen bei einer Familie unter. Der Vater behandelte uns wie eigene Kinder. Ich erinnere mich an die Keller, in denen wir saßen, wenn Angriffe auf Berlin geflogen wurden. Es gab kein Radio. Nur Gerüchte.

Irgendwann hieß es: Die Russen stehen vor den Toren Berlins. In meiner kindlichen Vorstellung waren das große, schmiedeeiserne Tore, und draußen drückten die Russen dagegen, während wir Berliner versuchten, sie zu halten.

Dann gaben die Amerikaner Thüringen auf. Es wurde der DDR zugeschlagen, und Berlin wurde aufgeteilt. Rückblickend muss ich sagen: Gott sei Dank. Für uns war es Glück. Auch, daß mein Vater aus englischer Gefangenschaft zurück kam, unverletzt.

Und dann kam der Juni 1948.

Die Blockade.

Plötzlich waren alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin gesperrt. Alles. Man wollte uns aushungern, erfrieren lassen. Für uns Kinder war das keine politische Strategie. Es war Hunger. Kälte. Warten.

Wir lebten in Schöneberg, nicht weit vom Flughafen Tempelhof. Und irgendwann wurde bekannt: Für die Kinder sollen Fallschirme vom Himmel fallen.

Mein Vater war ein kluger Mann. Er sagte: „Wir machen das so. Wenn ich sage: da, da, dann lauft ihr dahin.“


Wir wussten nicht, was er vorhatte.

Wir waren unterwegs, überall viele Menschen, viele Kinder. Dann kam sein Kommando: „Da! Da! Da!“


Wir rannten. Alle rannten. Und während wir abgelenkt waren, hatte mein Vater den echten Fallschirm längst woanders gesehen und gefangen.

Und es war kein gewöhnlicher Fallschirm.


Daran hing etwas Besonderes.

Ein schwarzes Wesen. Ein Shmoo.*

Der Shmoo war weich, aufblasbar, ein bisschen wie ein Luftballon. Aber das Entscheidende war nicht das Spielzeug. Am Shmoo hing ein Gutschein. Für Fett. Fünf oder zehn Kilo, ich weiß es heute nicht mehr genau.

Fett bedeutete Kalorien. Überleben.

Den Gutschein mussten wir in Zehlendorf einlösen, in der Clayallee. Dort, wo heute die amerikanische Botschaft ist.Wie wir dorthin kamen, weiß ich nicht mehr. Aber wir kamen an. Und es war nicht leer. Überall Kameras. Reporter. Die Wochenschau!

Sie wollten noch einmal zeigen, wie ein Fallschirm vom Himmel fällt.

Meine Schwester und ich bekamen wieder Anweisungen. Vater ging ins Haus, ins Dachgeschoss, und warf den Fallschirm aus dem Fenster. Unten liefen die Kameras. Mein Vater war schlau. Er befestigte nicht den echten Shmoo mit dem Gutschein, sondern eine Attrappe. Der echte war in Sicherheit.

Die Szene wurde zweimal gedreht. Ich rannte los, stolperte fast, wollte unbedingt die Erste sein. Später berichteten die Kinder in der Schule: „Ihr wart im Film!“

Wir selbst haben es aber nie gesehen. Wir hatten kein Geld fürs Kino. Wir hörten nur davon.

Den Gutschein lösten wir ein. Wir bekamen weißes Fett, Schmalz. Ohne Geschmack, ohne Zwiebeln. Aber es hatte Kalorien. Und Kalorien waren alles! Jeder Erwachsene bekam eine bestimmte Menge, Kinder weniger. Das Fett half uns enorm. Es war ein Gewinn.

Dann ging das Leben weiter. Schule. Alltag.

Viele Jahre später tauchte alles wieder auf. Ein Film. „Nur der Himmel war frei.“ Ich sah ihn und dachte plötzlich: Das bin ich. Meine Schwester. Unsere Geschichte. Man kann mich in den originalen Wochenschau-Aufnahmen sehen, die der Film verwendet.

Ich schrieb an die Produktionsfirmen, suchte nach Spuren. So kam ich wieder in Kontakt mit Gail Halvorsen. Ich schrieb ihm, erklärte, wer ich war. Er schickte mir seine Biografie. Ich habe sie auf Englisch und auf Deutsch. Beide.

Seitdem bin ich immer wieder bei Gedenkveranstaltungen am Flughafen Tempelhof. Der 12. Mai. Ich treffe Menschen von damals, Bürgermeister, Zeitzeugen, Veteranen. Wir geben uns die Hand, auch heute noch, nach vielen Jahrzehnten. Wir gehören irgendwie zusammen.

Die Erinnerung kommt nicht geordnet. Sie kommt in Stücken. Bilder. Gerüche. Ein schwarzer Shmoo an einem Fallschirm. Weißes Fett in Dosen. Kameras. Lachen. Hunger.

Wir Kinder wussten damals nicht, dass wir Teil der Geschichte waren.
Wir wollten nur satt werden.


*Der Shmoo war eine kleine, ballonartige Figur, die auf einer Comicfigur des Zeichners Al Capp basierte. Während der Berliner Luftbrücke wurden Shmoos bei den amerikanischen Süßigkeitenabwürfen teils an Fallschirmen befestigt. In einigen Fällen dienten sie als Gutscheine für Lebensmittel, etwa für Fett oder Schmalz – eine wichtige Kalorienquelle während der Blockade. Für die Kinder war der Shmoo ein Spielzeug, für ihre Familien oft ein Beitrag zum Überleben.

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community.  

As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. 

With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Bibi LeBlanc

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community. As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

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