Ein Nachmittag in Berlin-Reinickendorf

Tegel – gebaut mit bloßen Händen - Wolfgang Quurke

January 23, 20266 min read

Wir lernten uns durch die Zeitzeugenbörse kennen. Nach einem ersten Kontakt luden mich Wolfgang und Helga Quurke in ihre Wohnung nach Reinickendorf ein – nicht weit von Tegel entfernt, jenem Ort, der in Wolfgangs Erinnerungen eine ganz besondere Rolle spielt.

An einem ruhigen Nachmittag saßen wir zusammen am Tisch, umgeben von Familienfotos, Erinnerungsstücken und dem Blick auf ein Leben, das viele Jahrzehnte umspannt.

Was als Gespräch über die Berliner Luftbrücke begann, führte schnell zu Tegel – zu den Tagen, an denen Tausende Berliner dort mit bloßen Händen einen Flughafen errichteten, der zur Lebensader für die Stadt werden sollte.

Wolfgang und Helga erzählten offen von ihren Erfahrungen: von Hunger und Kälte, von Improvisation und Zusammenhalt, von kleinen Gesten und großen Entscheidungen. Es waren keine auswendig gelernten Geschichten, sondern gelebte Erinnerungen, die sich ganz selbstverständlich entfalteten.

In ihrer Wohnung wurde spürbar, dass die Luftbrücke für sie kein historisches Kapitel ist, sondern ein Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte. Tegel ist darin mehr als ein Ort – er steht für Durchhaltewillen, für gemeinsames Anpacken und für das Wissen, dass Berlin in einer seiner schwersten Stunden nicht allein war.


Tegel – gebaut mit bloßen Händen

Ich bin am 17. Mai 1929 in Berlin geboren. Als die Luftbrücke begann, war ich alt genug, um zu begreifen, was geschah. Und alt genug, um mit anzupacken.

Die Jahre nach dem Krieg waren geprägt von Mangel. Hunger, Kälte, Unsicherheit. Besonders die ersten Winter nach 1945 waren hart. Wir hatten kaum Heizmaterial, oft nur ein Zimmer, das man notdürftig warm hielt. Vieles drehte sich ums Überleben. Darum, irgendwie durch den Tag zu kommen.

In der Schule gab es zeitweise warme Mahlzeiten. Manchmal bekamen wir etwas, das man Pemmican* nannte, ein kalorienreiches Essen aus Amerika. Es war nichts, was man sich heute freiwillig aussuchen würde, aber damals war es wichtig. Kalorien waren wichtiger als Geschmack. Es gab auch Care-Pakete. Kaffee, Schokolade, Kondensmilch, getrocknete Kartoffeln. Dinge, die heute selbstverständlich sind, waren damals etwas ganz Besonderes. Sie bedeuteten Hoffnung.

Als die Blockade begann, wurde schnell klar, dass Berlin abgeschnitten war. Die vorhandenen Flughäfen reichten nicht aus. Es musste etwas Neues entstehen. Und zwar schnell. Tegel.

Ich gehörte zu den Berlinern, die sich meldeten, um beim Bau zu helfen. Männer und Frauen. Insgesamt waren es Zehntausende. Wir wurden mit offenen Lastwagen zur Baustelle gebracht. Es gab Schichtbetrieb. Acht Stunden, manchmal mehr. Die Bezahlung war gering. Aber es gab ein warmes Essen. Das allein war Grund genug, jeden Tag wiederzukommen.

Erwähnenswert ist, dass dieses warme Essen von den Amerikanern gestellt wurde – von den „Amis“, wie sie sie nannten. In kurzer Zeit hatten die sich von Kriegsgegnern über Besatzungssoldaten zu Helfern und schließlich zu Freunden entwickelt.


„Was uns sehr bewusst war, war der Unterschied zwischen den Besatzungsmächten. Die Amerikaner, Briten und Franzosen arbeiteten mit uns. Sie sprachen mit uns, verließen sich auf uns. Die sowjetischen Soldaten hingegen durften keinen Kontakt zur Bevölkerung haben. Das war streng verboten. Diese Trennung war im Alltag deutlich spürbar.“

Anfangs arbeiteten wir viel nur Schaufeln. Erde bewegen, Unebenheiten ausgleichen. Dann kamen Maschinen. Große Geräte, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie fraßen sich durch den Boden und glätteten das Gelände. Ich erinnere mich noch gut, wie beeindruckt ich war. Was wir mit der Hand kaum geschafft hätten, erledigten diese Maschinen in kurzer Zeit.

Tegel entstand in Rekordzeit. Etwa drei Monate. Heute kann man sich das kaum vorstellen. Eine Startbahn, gebaut von Zivilisten, inmitten einer zerstörten Stadt, unter enormem Zeitdruck.

„Als die ersten Flugzeuge landeten, war das ein Moment, den niemand von uns vergessen hat. Tegel war nicht einfach ein Flughafen. Es war eine Lebensader.“

Neben der Arbeit auf der Tegel-Baustelle gab es viele kleine Wege, sich durchzuschlagen. Das Überleben hing oft vom Einfallsreichtum ab, von Lösungen, die man heute kaum noch nachvollziehen kann. Einer dieser Wege entstand durch einen Freund von mir aus unserer Straße. Er war Fotograf und besaß etwas äußerst Wertvolles: eine Leica und ein paar Filme.

Im sowjetischen Sektor brauchten die Menschen dringend Passfotos. Für Ausweise, für Papiere, für alles, was Identität verlangte. Wir fuhren morgens rüber, und richteten irgendwo eine einfache Fotoecke ein. Eine Bank, zwei Lampen, die Kamera. Mehr war nicht nötig.

Filmmaterial war knapp. Deshalb fotografierten wir oft zwei Menschen gemeinsam auf einem Bild. Das Foto wurde dann später in der Mitte durchgeschnitten, sodass jeder sein eigenes Passbild hatte. Nichts durfte verschwendet werden.

Bezahlt wurde nicht mit Geld. Bezahlt wurde mit dem, was jeder geben konnte. Ein Ei. Eine Stulle. Manchmal beides. Diese Dinge schmuggelte ich vorsichtig über die Sektorengrenze zurück nach West-Berlin. Die Eier waren zerbrechlich. Und wertvoll.

Zu Hause wurden sie geteilt. Jede Familie bekam einen Teil. Niemand fragte, ob es genug war. Es war genug, weil es überhaupt etwas war.

Meine Frau Helga erinnert sich ebenfalls gut an diese Zeit. Sie war jünger als ich, aber auch für sie war der Alltag von Mangel geprägt.

„Man musste erfinderisch sein“, sagt sie. „Man hat nichts weggeworfen. Alles wurde aufgeteilt. Und man war dankbar für jede Kleinigkeit.“

Auch sie erinnert sich an die Kälte. An Wohnungen ohne richtige Heizung. An improvisierte Lösungen. Und daran, wie selbstverständlich es war, sich gegenseitig zu unterstützen.

Die Luftbrücke veränderte vieles. Nicht nur materiell. Auch im Verhältnis zu den ehemaligen Feinden. Die Amerikaner waren zunächst Besatzer. Dann wurden sie Helfer. Freunde. Das ging erstaunlich schnell. Innerhalb kurzer Zeit entstand Vertrauen. Wir arbeiteten zusammen. Deutsche Mechaniker halfen bei amerikanischen Maschinen. Wir waren aufeinander angewiesen.

Die Russen hingegen blieben auf Abstand. Ihre Soldaten durften keinen Kontakt aufnehmen. Diese Trennung setzte sich später im Kalten Krieg fort.

Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich: Ohne die Luftbrücke hätte Berlin nicht überlebt. Nicht als freie Stadt. Wir hätten nicht die Möglichkeit gehabt, unser Leben selbst zu gestalten. Damals sprachen wir nicht in großen politischen Begriffen. Wir dachten nicht in Ideologien. Wir dachten an Essen, an Wärme, an den nächsten Tag. Aber genau das war Freiheit.

Tegel blieb für mich immer ein besonderer Ort. Später wurde daraus ein Flughafen, den viele liebten. Kurze Wege. Übersichtlich. Menschlich. Als er geschlossen wurde, hat mich das traurig gemacht. Die Flugzeuge gehörten zu Berlin. Ihr Geräusch war Teil der Stadt.

Ich bin Berliner. Durch und durch. Meine Eltern waren Berliner. Und auch wenn sich vieles verändert hat, bleibt diese Zeit ein Teil von mir. Wir haben nicht gefragt, ob es sich lohnt. Wir haben einfach gemacht.

Und Tegel steht für mich bis heute genau dafür.

Die Luftbrücke hat uns geprägt. Sie hat gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen zusammenhalten und handeln, statt zu reden.

Wolfgang Quurke
Geb. 1929
Fototechniker (in Rente)

Helga Quurke
Geb. 1940
Sekretärin (in Rente)


*Pemmikan ist ein kalorienreiches, nährstoffdichtes Überlebensnahrungsmittel, das aus ausgelassenem Tierfett und getrocknetem, pulverisiertem Fleisch (zum Beispiel Bison, Hirsch oder Elch) hergestellt wird und teilweise mit getrockneten Beeren ergänzt ist. Es wurde von den indigenen Völkern Nordamerikas entwickelt, später von Entdeckern übernommen und als langlebige, energiereiche Nahrung genutzt.

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community.  

As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. 

With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Bibi LeBlanc

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community. As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Back to Blog