So war es nun einmal

„Ich war nur ein Kind. Aber ich habe damals gelernt, was Menschlichkeit bedeutet.“ - Boris Franzke

January 22, 20264 min read

„Ich war nur ein Kind. Aber ich habe damals gelernt, was Menschlichkeit bedeutet.“

Boris Franzke
Luftbrückenkind
Geb. 1939

Kaffeeklatsch bei Boris Franzke

Kennengelernt haben wir uns über die Zeitzeugenbörse. An einem warmen Septembernachmittag lud mich Boris Franzke auf einen Kaffee in seine Wohnung ein. Zwischen vielen Familienfotos, die von einem langen und bewegten Leben erzählen, saßen wir mehrere Stunden zusammen. Ruhig, sachlich und konzentriert berichtete er von seinen Erinnerungen — an den Krieg, die Nachkriegszeit, die Berliner Luftbrücke und das Leben in einer geteilten Stadt. Große Worte machte er dabei nicht. Seine Erzählungen wirkten gerade durch ihre Nüchternheit und durch dieses stille „So war das eben“.

Auch die Jahre des Kalten Krieges kamen zur Sprache, und seine spätere Mitarbeit am Bau von insgesamt acht Tunneln unter der Berliner Mauer; einer davon war erfolgreich und ermöglichte 27 Menschen die Flucht in den Westen. Auch das erzählte er ohne Pathos. Einmal hätte ihn dieses Engagement beinahe das Leben gekostet — doch das ist eine andere Geschichte.


„Ich war nur ein Kind. Aber ich habe damals gelernt, was Menschlichkeit bedeutet.“


Meine Erinnerungen an die Berliner Luftbrücke

Ich war neun Jahre alt, als die Berliner Luftbrücke begann.

Wir lebten in West-Berlin, in Friedenau. Der Krieg war vorbei, aber Frieden fühlte sich anders an. Mein Vater war noch in russischer Kriegsgefangenschaft, meine älteren Brüder waren entweder gefallen oder ebenfalls nicht zu Hause. Meine Mutter stand mit vier Kindern allein da. Es gab kaum Essen, kaum Heizmaterial, kaum Hoffnung.

Im Winter war es bitterkalt. Wir hatten nichts zum Heizen. Meine Mutter besaß ein altes, schweres Bügeleisen aus Gusseisen. Da konnte man Kohlen oder Holzstücke reinlegen. Bevor wir abends ins Bett gingen, legte sie das warme Eisen zwischen die Laken, damit sie wenigstens ein bisschen vorgewärmt waren. Das war unser Luxus.

Hunger gehörte zum Alltag. Wir Kinder gingen in die Vorgärten und sammelten alles, was irgendwie essbar war. Kartoffeln, Rüben, manchmal Zwetschgen. Meine Mutter wusste, dass es nicht richtig war, aber sie wusste auch, dass ihre Kinder essen mussten. Kartoffelschalen wurden nicht weggeworfen. Sie kamen durch den Fleischwolf, daraus wurden kleine Fladen gemacht. Auch das haben wir gegessen.

Als die Blockade begann, wurde alles noch schwieriger. Keine Kohle, keine Lebensmittel. Und dann kamen die Flugzeuge ...

Ich weiß noch genau, wie dieses Dröhnen über der Stadt lag. Ein Geräusch, das man nicht ignorieren konnte. Tag und Nacht. Für uns Kinder war das keine Technik, keine Politik. Das war Leben.

Wir hielten uns oft in der Nähe von Tempelhof auf. Dort, wo die Maschinen landeten. Und manchmal geschah etwas, das uns für einen Moment vergessen ließ, wie hungrig wir waren: kleine Fallschirme fielen vom Himmel. Süßigkeiten, abgeworfen von amerikanischen und britischen Piloten.

Wenn irgendwo ein Fallschirm zu sehen war, rannten alle Kinder los. Ganze Straßenzüge waren plötzlich wie leergefegt. Einmal verfing sich ein Fallschirm in einem Baum. Niemand traute sich hinauf. Mein Bruder kletterte trotzdem. Als er mit der Schokolade wieder herunterkam, waren wir die Könige des Viertels. Es war Cadbury-Schokolade. Ich erinnere mich genau daran. Eine ganze Tafel für sich allein zu haben, das gab es praktisch nie. Sie wurde geteilt. Immer.

Wir gingen auch zur amerikanischen Kaserne, zur McNair-Kaserne. Die Soldaten waren freundlich, besonders zu uns Kindern. Es gab Kaugummi. Heute klingt das banal. Damals war es ein kleines Wunder.

Als Kind denkt man nicht darüber nach, warum etwas passiert. Man merkt nur: Man friert weniger. Man hat manchmal etwas im Magen. Und man überlebt.

In unserer Nähe stürzte einmal ein Flugzeug ab. Ich sehe das noch vor mir. Ein Haus getroffen. Für uns Kinder war das unfassbar. Diese Männer flogen für uns. Sie riskierten ihr Leben, damit wir nicht verhungerten.

Später zog meine Mutter mit uns nach Ost-Berlin, nach Pankow. Dort gab es mehr Lebensmittel und mehr Unterstützung für kinderreiche Familien. Die Luftbrücke lief da noch. Für uns war das keine politische Entscheidung. Es war eine Entscheidung fürs Überleben.

Heute, viele Jahrzehnte später, denke ich oft an diese Zeit zurück. Was mich am meisten geprägt hat, war nicht nur der Hunger oder die Kälte. Es war der Zusammenhalt. Die Menschen hielten zusammen. Man teilte, was man hatte. Man wusste, dass der andere genauso litt wie man selbst.

Die Berliner Luftbrücke war mehr als eine logistische Meisterleistung. Für uns war sie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass wir nicht vergessen waren. Dass es Menschen gab, die bereit waren zu helfen, auch wenn es gefährlich war.

Ich war nur ein Kind. Aber ich habe damals gelernt, was Menschlichkeit bedeutet.

Boris Franzke
Luftbrückenkind
Geb. 1939

Boris Franzke


Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community.  

As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. 

With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Bibi LeBlanc

Bibi LeBlanc is an entrepreneur and world traveler with a passion for storytelling and creating community. As the founder and CEO of Culture to Color, she uses her experiences to create Explainer Books™ as marketing tools for businesses, organizations, and destinations, bringing the beauty and diversity of the world to new audiences. She is a #1 Amazon Bestseller and has won numerous book awards. With her camera as her loyal companion, Bibi travels the world seeking out new people and cultures, always eager to hear their stories and create connections, adding color to the world one story at a time.

Back to Blog